Mühlhausen (Böhmen)

Das südböhmische Mühlhausen war seit dem 16.Jahrhundert mit Stadtrechten ausgestattet; es ist das tschechische Milevsko mit derzeit 8.500 Einwohnern - nordwestlich von Tabor bzw. 20 Kilometer nordöstlich von Pisek gelegen.

Die ersten Juden siedelten sich in Mühlhausen vermutlich unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege an. Bis ins 19.Jahrhundert blieb die Zahl der jüdischen Familien stets überschaubar; erst ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war ein deutliches Wachstum der Gemeinde - offiziell erst 1881 ins Leben gerufen - zu verzeichnen.

Der mit Elementen des Empire/Klassizismus gestaltete Synagogenneubau - ein Werk des Prager Architekten Střílek -  ersetzte ein aus dem 18.Jahrhundert stammendes Gebäude - wurde kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges vollendet - zu einem Zeitpunkt, als die Zahl der Gemeindeangehörigen bereits wieder leicht rückläufig war.

    

Ehemaliges (neues) Synagogengebäude (links: Aufn. Ben Skalá, 2009 und rechts: Aufn. Monudet, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Der jüdische Friedhof - etwa einen Kilometer vor der Stadt gelegen - wurde vermutlich um 1710 angelegt; er weist heute noch Grabsteine aus dem 18. und 19.Jahrhundert auf, die teilweise schon tief im Erdreich versunken sind.

 

Friedhof Mühlhausen: alte Grabsteine (Aufn. Kommune Milevsko, 2007)

Juden in Mühlhausen:

    --- 1694 ............................   8 jüdische Familien,

    --- 1783 ............................  10     “       “    ,

    --- 1840 ............................  13     “       “    ,

    --- 1849 ............................  90 Juden,

    --- 1890 ........................ ca. 170   "  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1910 ............................ 133   "  ,

    --- 1921 ............................ 103   “  ,

    --- 1930 ............................  81   “  .

Angaben aus: Institut Terezínské iniciativy

Bis Ende der 1930er Jahre wurde die Synagoge Mühlhausens von der kleiner gewordenen Gemeinde zu Gottesdiensten genutzt.

Während der deutschen Okkupation wurden im November 1942 die in der Stadt verbliebenen Juden ins Ghetto Theresienstadt verschleppt; von dort wurden die meisten nach Auschwitz-Birkenau deportiert; keiner soll überlebt haben.

Seit den 1950er Jahren wird das ehemalige Synagogengebäude von der Tschechoslowakischen Hussitenkirche genutzt. Eine Gedenktafel am Eingangsbereich erinnert an die Juden Mühlhausens, die Opfer der „Endlösung“ geworden sind.

Von dem nordöstlich des Ortes am Waldrand gelegenen jüdischen Friedhof sind noch sehr alte Grabsteine vorhanden.

Milevsko-židovský-hřbitov2009a.jpg Milevsko-židovský-hřbitov2009n.jpg Milevsko-židovský-hřbitov2009b.jpg

alte Grabsteine des jüdischen Friedhof Mühlhausen/Milevsko (Aufn.B. Skála, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Mühlhausen war der Geburtsort von Angelo Goldstein. Sohn eines Rabbiners (1889-1947). Während seines Jura-Studiums in Prag war er aktives Mitglied der zionistischen Bar Kochba und leitete 1909 die erste tschechische zionistische Studentengruppe. Goldstein war später Mitbegründer und Vizepräsident der jüdischen Partei der Tschechoslowakei; auch in anderen jüdischen Organisationen agierte er an maßgeblicher Stelle. Zudem war er auch Mitglied der Prager Stadtverwaltung. 1939 emigrierte er nach Palästina. Im Alter von 57 Jahren verstarb Angelo Goldstein in Palästina.

 

In der näheren Umgebung sind in kleineren Ortschaften ebenfalls jüdische Familien ansässig gewesen:

In Kowarschow (tsch. Kovářov) können Juden ab der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts nachgewiesen werden; erste gemeindliche Einrichtung war der Friedhof; ca. 120 Grabsteine sind erhalten.

File:Kovářov - Židovský hřbitov 1.JPG Jüdischer Friedhof in Kovářov (Aufn. 2009, aus: commons.wikimedia.org) 

 

In Nosetin ist jüdische Ansiedlung bereits im 18.Jahrhundert erfolgt; aus dieser Zeit stammt auch der Friedhof.

 

In Bernarditz (tsch. Bernatice) - ca. zwölf Kilometer südlich von Mühlhausen/Milevsko – lebten jüdische Familien seit ca. 1700; sie hatten zuvor in kleinen Dörfern des Umlandes gewohnt; so auch in Klein-Bieschitz (tsch. Zběšičky) und in Weselitschko (tsch. Veselíčko). Nach der Emanzipation der Juden im Habsburger Reich (1848) kamen noch weitere Familien nach Bernarditz. Gemeindliche Einrichtungen, wie Synagoge und Friedhof, standen den jüdischen Familien in Weselitschko zur Verfügung. Die Einrichtung einer gemeinsamen jüdischen Schule in Bernarditz datiert von 1885; ab 1900 wurde diese dann nur noch als Religionsschule geführt, da die Kinder nun die deutsch-sprachige kommunale Elementarschule besuchten.

 

Aus dem 18.Jahrhundert ist jüdische Ansässigkeit für das Dorf Klein-Bieschitz (tsch. Zběšičky) nachgewiesen; so soll das Dorf während des 18. Jahrhunderts zeitweilig überwiegend von Juden bewohnt gewesen sein, die aus verschiedenen Orten vertrieben worden waren. Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts waren sechs jüdische Familien im Dorfe ansässig.

Der an einem Abhang liegende Friedhof nordwestlich der Ortschaft weist noch ca. 100 Grabmale und ein Taharahaus auf.

Jüdischer Friedhof (Aufn. Ben Skála, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)  

Weitere Informationen:

Bilder der Synagoge von Mühlhausen, in: Hugo Gold (Hrg.), Židé a židovské obce v Cechách v minulosti a prítomnosti, Jüdischer Kunst- u. Buchverlag, Brünn/Prag 1934, S. 408/409

The Jewish Community in Bernartice, Zbesicky und Veselicko, Hrg. Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/bernartice-zbesicky-veselicko

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 824

Angaben der Kommune Milevsko (von 2007)

Jewish Families from Milevsko (Mühlhausen), online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-M%25C3%25BChlhausen-Milevsko/12903